Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg!

Weihnachtsgruß der Bischöfin 2005


Was für ein Jahr liegt hinter uns! Kurz nach Weihnachten 2004 die Katastrophe des Tsunami, die viele von uns bewegt hat. Dann die Wirbelstürme und Fluten in Mittelamerika, die geradezu als Warnung vor der Klimakatastrophe empfunden wurden. Vor allem die Bilder von New Orleans werden wohl im Gedächtnis bleiben. Und zuletzt nun das Erdbeben in der Kaschmir-Region, bei Menschen, denen das Leben schon hart genug zusetzt. Wie sollen sie den Winter überleben ohne feste Behausung, ohne ausreichend Nahrung und Gesundheitsversorgung?

Aber auch in unserem eigenen Land gab es heftige Auseinandersetzungen und Fragen. Die Ankündigung von Neuwahlen im Mai und nach den Wahlen das Ringen um eine neue Regierung. Schreckensmeldungen von vernachlässigten Kindern, vor allem die vor den Augen ihrer Eltern verhungerte Jessica. Der große Stromausfall, der Grenzen aufgezeigt hat. Und auch im privaten Bereich, im je persönlichen Leben wird es für jeden und jede viel zu bedenken geben.

Weihnachten merken wir oft: wir sind rastlos unterwegs durch unser Leben. Der Heilige Abend ist dabei ein besonderer Punkt, an dem wir innehalten, zurückschauen und nach vorne blicken. Wieder geht ein Jahr zu Ende, während ein neues Kirchenjahr beginnt. Wie lang war so ein Jahr von Weihnachten bis Weihnachten, als wir Kinder waren! Allein das Warten vom Öffnen des ersten Türchens im Advent bis zum Heiligen Abend kam uns schier unendlich vor. Fast scheint es, als vergehe so ein Jahr immer schneller, je älter wir werden. Das merken auch schon Jugendliche.

Auf unserem Lebensweg gibt es wunderbare Tage, Hoch-zeiten im wahrsten Sinne des Wortes. Da sind wir glücklich, die Liebe leuchtet in unserem Leben, Erfolg beflügelt, Neues regt uns an. Aber es gibt auch die Tiefpunkte, an denen alles am Ende scheint, wir nicht ein und aus wissen, etwa weil uns ein Mensch, den wir lieben, verlassen hat, jemand uns verletzt, wir Krankheit ertragen müssen oder den Verlust von Arbeitsplatz und Anerkennung. Und dann gibt es diese grauen Phasen. Da wird Tag für Tag gelebt, vielleicht auch nur durchgehalten, ohne Höhen, ohne Tiefen, und das Leben zerrinnt uns unter den Händen.

Mir ist wichtig, dass unser Glaube unserem Leben Orientierung gibt. Wir stolpern nicht irgendwie durch die Zeit, sondern wir wissen uns von Gott in diese Welt gestellt. Gott selbst ruft uns ins Leben und will uns begleiten. Und Gott gibt uns auch ein Ziel vor: Jesus Christus. Wenn wir uns ihm anvertrauen, dann wissen wir: Das Leben ist keine Sackgasse. Für Jesus endete das Leben nicht mit Leid und Sterben. Er ging auf das Leben bei Gott zu, das größer und weiter ist als alles, was wir erkennen.

Als die Weisen aus dem Morgenland sich aufmachten, um das Kind in der Krippe zu suchen, sagten sie: „Wir haben seinen Stern gesehen.“ Herodes erschrak damals sehr, erzählt der Evangelist Matthäus. Ob er wohl ahnte, dass dadurch die Herrschaft aller Diktatoren, all derer, die Macht missbrauchen und Menschen quälen, unterdrücken, für immer in Frage gestellt sein sollte? Dass nun deutlich wird: Gott lässt die Welt nicht allein, sondern setzt ein Licht für den Frieden, der anbrechen soll, für die Wahrheit, die ihr Recht finden wird!

Die drei Weisen orientierten sich am Stern. Ob es die Konjunktion von Saturn und Jupiter im Jahr 7 vor Christus war, darüber mögen die Himmelsforscher streiten. Wichtig ist, dass das Kind in der Krippe den Menschen Richtung und Ziel gibt auf ihrem Lebensweg, uns die Liebe Gottes zusagt. Dafür stehen all die Sterne, die wir zu Weihnachten basteln oder backen. Sie weisen darauf hin, dass wir durch Jesus Christus das Ziel in unserem Leben erkennen, nämlich Gott selbst. Eines Tages wird Gott abwischen alle Tränen, so sagt es die Bibel, und dann werden Tod und Leid ein Ende haben. Das tröstet uns schon heute. Aber es ist nicht billiger Trost, sondern eine Lebenskraft. Gott ist in der Welt, und deshalb bleibt sie nicht dunkel. Das hilft mir auch heute, Wichtiges und Unwichtiges zu unterscheiden. Das schenkt Kraft, jeden Tag bewusst als Geschenk anzunehmen und gibt Mut zum Handeln. Für andere, für unsere Welt.

Alfred Hans Zoller hat die Orientierung durch den Stern in Gedichtform gefasst:
Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg,
führ uns zur Krippe hin, zeig, wo sie steht,
leuchte du uns voran, bis wir dort sind,
Stern über Bethlehem, führ uns zum Kind!

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich Gott anvertrauen auf Ihrem Lebensweg und am Kind in der Krippe Lebenskraft und Orientierung finden.

Gesegnete Weihnachten!

Ihre

Landesbischöfin
Dr. Margot Käßmann